Es reicht nicht, das Gras wachsen zu lassen

Es reicht nicht, das Gras wachsen zu lassen

  • 1004
  • 0

Mittlerweile gibt es eine Fülle von Zwischenfrüchten, neuen oder wiederentdeckten alten Pflanzen, die auf den Feldern gedeihen – und nur die wenigsten Bürger wissen, um was es sich dabei handelt. In unser neuen Serie „Was wächst denn da?“ stellen wir deshalb Landwirte und ihre Anbauprodukte vor. Wir starten mit Gras, dem häufigsten und unterschätztesten Rohstoff.

Deutenhausen – Wer Stefan Deschler jun. über das eigentlich banale Gras reden hört, der merkt, dass der 23-Jährige aus dem Weilheimer Ortsteil Deutenhausen bei seinem Landwirtschaftsstudium in Weihenstephan gut aufgepasst hat. Da geht es unter anderem um ph-Werte, nitrophile Pflanzen und den Klimawandel, und schnell wird klar: Der richtige Umgang mit den Wiesen ist eine Wissenschaft für sich. „Man muss sie pflegen und erhalten, damit man eine gute Ernährung für seine Tiere erhält. Es reicht nicht, das Gras von selbst wachsen zu lassen“, betont Deschler.

Magerrasen ist völlig anders zusammengesetzt als eine saftige grüne Wiese

Denn Gras ist nicht gleich Gras. Ein sogenannter extensiver Magerrasen zum Beispiel, der recht langsam wächst und nur zwei Mal pro Jahr gemäht wird, hat eine völlig andere Zusammensetzung wie eine saftige grüne Wiese, die die fünfmal im Jahr gemäht und als Silage genutzt wird. „Dort gibt es Klee, Wiesenrispe, Weidelgras und natürlich Löwenzahn, das sind die Hauptpflanzenarten“, zählt Deschler auf. Die mögen es, wenn sie häufiger gemäht werden, und breiten sich aus.

Dass auf manchen Wiesen viel, auf anderen wenig Löwenzahn wächst, hänge laut Deschler zum einen mit der Düngung, aber auch mit der Lage zusammen – mehr Lichteinfall bedeute mehr Löwenzahn. „Auf Weiden findet man übrigens sehr wenig Löwenzahn, weil der trittempfindlich ist“, sagt Deschler. Wenn schwere Rinder drübertrampeln, wächst kein Löwenzahn mehr. Wäre das auch eine Taktik für den heimischen Garten? „Zumindest theoretisch“, sagt Deschler und lacht.

Fürs Heu darf das Gras nicht zu dick sein

Eine normale Wiese – Deschler betreibt mit seinem Vater zusammen rund 55 Hektar Grünland – wird vier bis fünf Mal im Jahr gemäht, das erste Mal steht bald an. „In höher gelegenen Regionen im Landkreis dauert es aber locker zwei Wochen länger“, sagt Deschler. Wenn Heu gemacht wird, das Gras also länger steht, fällt auf den betreffenden Wiesen ein Schnitt aus. Und auch die sollten von den Pflanzen wieder anders zusammengesetzt sein: „Da ist es wichtig, dass das Gras nicht zu dick wird, sonst trocknet es schlecht. Und bei unseren vielen Schauern und Gewittern ist es selten, dass es mal drei Tage am Stück nicht regnet.“

Doch nicht nur für die Kühe ist Gras wichtig. Grünland ist ein echter Alleskönner, es verhindert Bodenerosion, bildet Lebensraum für unzählige Tier- und Pflanzenarten und speichert auch noch eine große Menge an Kohlenstoffdioxid.

Es wird geodelt, wenn Regen naht? Stimmt nicht immer

Ein wichtiger Aspekt ist die Düngung. Wenn Landwirte mit dem Güllefass unterwegs sind, machen sie sich bei den Spaziergängern keine Freude, das weiß Deschler. „Aber Gülle ist ein so wichtiger Rohstoff für uns Landwirte, den verschwenden wir nicht, sondern setzen ihn gezielt ein“, betont der 23-Jährige. „Wer seine Gülle nicht sinnvoll nutzt, ist dumm.“

Deshalb werde auch so gedüngt, dass die Nährstoffe im Boden nicht ausgewaschen werden. Unterschiede gibt es natürlich auch: Ein Mineraldünger mit Stickstoff und Phosphor, wie er auch im Gartenmarkt für den heimischen Rasen zu kaufen ist, wirke sofort, bei Gülle und Mist dauere es länger. „Auch Kalk ist wichtig, der regelt den ph-Wert“, sagt Deschler. Ideal sei ein ph-Wert zwischen 6 und 7 – wenn es zu sauer wird, habe man unerwünschte Kräuter wie Sauerampfer drin und die Wiese wachse nicht ordentlich. Tatsächlich wird je nach Wiese die Gülle anders dosiert, so Deschler. Erst kürzlich hat sich der Betrieb ein sogenanntes Schleppschlauchfass angeschafft, bei dem die Gülle nicht mehr herumgespritzt, sondern direkt auf den Boden verteilt wird. „Da hat man weniger Ausgasung, das schützt die Umwelt“, sagt Deschler.

Die These von Laien, dass es bald regnet, wenn die Bauern odeln, ist übrigens richtig – zumindest teilweise: „Beim Grünland stimmt das, weil der Regen, wenn er nicht zu stark ist, die Gülle gut in den Boden einarbeitet.“ Beim Ackerbau gilt diese Regel allerdings nicht – da ist der Landwirt auf gutes Wetter angewiesen, damit der lockere Ackerboden überhaupt befahren werden kann. Ist es zu nass, kommt es zu Verdichtungsschäden. Zudem wird die Gülle im Acker oft nach der Ausbringung eingearbeitet und im Anschluss der Acker bestellt.

von Boris Forstner

Link zum Artikel Merkur Online